Andreas Schrenk Mar 7, 2022 7:30:00 AM Lesezeit 2 Minuten

Fokussierung braucht Entscheidung

Neulich auf dem Heimweg hat mir einer die Vorfahrt genommen, es hat nicht gekracht und ist grade nochmal gut gegangen, der andere hat es, glaube ich, nicht mal gemerkt. Das haben sicher viele von uns schon mal erlebt, und ich kenne mich selbst gut genug, um mich zu wundern, dass ich mich überhaupt nicht aufgeregt hatte. Ich habe in der Vergangenheit durchaus in solchen Situationen wenigstens (! ;-) ) sehr böse zum Fenster rausgeschaut. Aber diesmal war es anders. Ich fuhr einfach weiter in Richtung nach Hause, ohne besondere Gefühlswallungen. Allerdings war diese Gleichmut weniger meiner Ausgeglichenheit geschuldet, als vielmehr der Erschöpfung nach einem anstrengenden Tag. Ich war einfach zu platt, um mich zu ärgern, ich hatte keine Energie dafür, keine Lust darauf, keine Bereitschaft, dafür Nerven herzugeben. Beim Weiterfahren fiel mir das dann selbst auf, und ich begann darüber nachzudenken. 

Ressourceneinsatz  

Man könnte auch sagen, ich habe mich in dieser Situation entschieden, wofür ich meine Kräfte, meine Ressourcen einsetze und wofür nicht. Aus Sicht einer Kosten-Nutzen-Abwägung hätte ich von einem verbalen Ausraster und einem Zornesausbruch nicht nur wenig bzw. keinerlei Nutzen gehabt, sondern regelrecht gewaltig draufgezahlt. Die gefährliche Verkehrssituation hätte sich nicht rückgängig machen lassen, der andere Autofahrer war ohnehin schon weg, und vermutlich wäre nicht mal eine Entschuldigung für mich rausgesprungen.  

Auf der Kostenseite wären die stressbedingte sekundenschnelle Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol mit ihren negativen Auswirkungen auf meine körperliche Gesundheit und mit temporären Einschränkungen meines Wohlbefindens und Denkvermögens zu bilanzieren gewesen. Womöglich wäre ich zuhause auch noch mit schlechter Laune angekommen. Eine üble Bilanz. 

Durch meine Müdigkeit war es mir möglich, eine neue Erfahrung zu machen. Ich blieb entspannt, ohne Stresshormone und die daraus resultierenden Angriff- oder Fluchtreflexe und ersparte es meinem Körper, sich in langwierigen Abbauprozessen von Adrenalin und Co. wieder befreien zu müssen. Völlig unaufgeregt kam ich gut daheim an und konnte in Ruhe mit meiner Familie das Abendessen genießen, dankbar, dass ich nicht unverschuldet in einen Unfall verwickelt worden war. Eine gute, eine sehr gute Bilanz.

Entscheidung für Fokussierung

Bemerkenswert an diesem Beispiel ist, dass tatsächlich nicht meine bewusste Entscheidung, sondern versehentlich meine Müdigkeit dazu führte, dass ich mich auf das Wesentliche besinnen konnte. Dabei ist doch immer, wenn etwas gut läuft, Differenzierung, Konzentration, Fokussierung im Spiel.  

In Coachingprozessen und in Trainings für Führungskräfte vermitteln wir methodengestützt unter anderem die Kompetenz, Dringliches und Wichtiges voneinander zu unterscheiden. So sollen Führungskräfte zu guten Entscheidungen kommen, nicht kostbare Zeit durch weniger wichtige und/oder dringliche Anforderungen verlieren, die Fülle der Aufgaben bewältigen und gesund bleiben. In Teamtrainings unterstützen wir die Teams darin, dysfunktionale Dynamiken zu erkennen und zu beenden, die Essenz der erfolgreichen Zusammenarbeit zu verstehen, sich darauf zu konzentrieren und das Gelernte umzusetzen. Bei der Anwendung der sehr erfolgreichen Methode Design Thinking in der Entwicklung von Projekten, Produkten, Programmen und Lösungen folgen wir einem strengen Prozedere. Wir unterwerfen uns einem dezidierten Prozessablauf mit permanenten Reflexionsschleifen und höchster Aufmerksamkeit für das Ziel, das Eigentliche und Pure, das wirklich Notwendige von allem zu befreien, was nicht dazu gehört und überflüssig ist. Und beim Fasten schließlich reduzieren wir die Einflussnahme auf unsere bio-psycho-soziale Einheit (landläufig auch Körper genannt), durch Nahrungsaufnahme auf ein extremes Minimum und geben ihr dadurch die Möglichkeit der Erholung, Rückbesinnung, Sammlung, Innenschau, des Rückzugs und der Heilung. 

Multioptionalität ist Fluch und Segen zugleich

Bemerkenswert ist weiterhin, dass wir in einer Gesellschaft leben und uns in Arbeitsbezügen bewegen, wo wir solche Methoden brauchen, um klarzukommen. Ich begrüße sehr, dass wir auf diese sehr hilfreichen methodischen Ansätze zurückgreifen können, und dennoch ist es so, dass sie durch ihre Notwendigkeit einen Mangel markieren. Vielen Menschen scheint es unter dem Einfluss der aktuellen Megatrends zunehmend schwer zu fallen, angesichts der Fülle an Möglichkeiten Unterscheidungen zu treffen, um eine Grundlage für langfristig gute Entscheidungen zu finden. Es ist spürbar, dass die Optionen und Auswahlmöglichkeiten in allen Lebensbereichen ständig zunehmen und sich gleichzeitig als eine Auswirkung des Megatrends Digitalisierung das Tempo erhöht, mit dem Veränderungen in Gesellschaften, Organisationen und individuellen Verhältnissen stattfinden. Die Freiheit, sich für diesen oder jenen Lebensentwurf zu entscheiden war noch nie so groß und der Mensch in den westlichen Wohlstandsgesellschaften hatte vergleichsweise noch nie zuvor so viele Möglichkeiten der Einflussnahme auf seine unmittelbaren Lebensbedingungen. Hier ist weniger die Rede von den sozio-ökonomischen Zwängen und sozial- und milieubedingten Benachteiligungen, denen nach wie vor viele Menschen ausgesetzt sind. Vielmehr geht es um die Zunahme der Freiheit durch den Wegfall starker und einengender Regulative wie z.B. die radikale Erosion kirchlicher Macht und Deutungsmuster in den letzten Jahrzehnten.  

Und in gleichem Maße nimmt der Druck zu, „die richtige“ Entscheidung zu treffen. Ob die Entscheidung für „das Andere“ vielleicht besser gewesen wäre, zu mehr Glück, Erfolg, Einkommen hätte führen können, ist weder überprüfbar noch kann sichergestellt werden, was als Unsicherheit und als Stressfaktor erlebt werden kann. 

Megatrend Digitalisierung 

Wir leben in einer Zeit, in der die Fähigkeit und Bereitschaft, eine gewisse Unsicherheit auszuhalten in Bezug auf das, was kommt, zu einer Kernkompetenz wird. Die Auswirkungen des Megatrends Digitalisierung haben längst alle gesellschaftlichen und organisationalen Kontexte und persönlich-individuellen Verhältnisse und Bedingungen erreicht und durchdrungen. 

Die Anforderung an die Menschen, die schneller kommenden Veränderungen nicht nur zu akzeptieren und mitzutragen, sondern auch mitzugestalten, erhöhen sich permanent. Wenn es aber niemanden gibt, der einem sagt und zeigt, wie das geht, muss man sich selbst darum kümmern. Und da kommen dann wieder die Methoden ins Spiel, auf die man zurückgreifen kann und die einen richtig weiterbringen können. 

 

Eine hilfreiche Methode, um sich unter den Bedingungen der Digitalisierung und der Multioptionalität nicht in ungezieltem Aktivismus zu verlieren, sondern bewusst und mit klarem Fokus vorzugehen, ist die japanische Methode IKIGAI. Sie ist dafür geeignet, unter Zuhilfenahme spezieller Parameter herauszuarbeiten, wie ein Projekt, ein Lebensentwurf, eine Initiative sinnerfüllt und erfolgreich gelingt. Im Download finden Sie beispielhaft die Darstellung, wie der Autor ein Projekt mit den Prinzipien des IKIGAI überprüft hat.  

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